Geschichte – Warum es das wichtigste Schulfach ist…

…aber umgestaltet werden muss. Die wenigsten würden mir wohl zustimmen, dass ausgerechnet Geschichte das sehr vielschichtige, spannendste und wichtigste Schulfach ist. Warum müssen wir uns mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen? Wie stärkt Geschichtsunterricht unsere Demokratie und warum muss der Unterricht ganz anders werden?

Gesellschaft / Probleme & Lösungen

von Jakob N am 27. September 2022

Mehrere deutschsprachige Geschichtsbücher verschiedener Epochen verteilt auf einem Holzboden

Verstaubte Bücher – verstaubter Unterricht? Foto von Jakob N

Der Titel und der Teaser dieses Artikels lassen es ja schon vermuten. Ihr erwartet jetzt sicher einen bedeutungsschwangeren Text, eine richtige Moralpredigt über Verantwortung und andere abstrakte Konstrukte. Was würde da besser passen als ein Einstieg mit einem ebenso bedeutungsschwangeren Zitat?

“Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart.”

Richard von Weizsäcker

Bamm!

“Eine Chronik schreibt nur derjenige, dem die Gegenwart wichtig ist.”

Johann Wolfgang von Goethe

Mic drop.

Zwar haben die beiden Recht, aber dieser Text soll in eine andere Richtung gehen. Lasst mich statt mit einem Zitat eines alten, weißen Mannes mit dem Zitat eines jungen, weißen Mannes anfangen.
In seinem YouTube-Video „Wenn Schulfächer Rapper wären | mit Julia Beautx“ vom 18. November 2018 schlüpft der heute als CDU-Zerstörer bekannte Rezo in die Rolle des Fachs Geschichte. In einem Rap-Battle gegen andere Schulfächer argumentiert er zuerst mit einem Augenzwinkern, warum Geschichte das beste Fach ist: „Was seid ihr für Loser? Ihr wisst nicht Bescheid. Alles, was wir brauchen, ist Vergangenheit. Woher ihr kommt, bestimmt auch wer ihr seid. Geschichtsunterricht, das ist die beste Zeit.“ Danach geht er in einen „Realtalk“-Part über, in dem er vor Geschichtsvergessenheit warnt.
Anstatt diesen langen Artikel zu lesen, könntet ihr euch also auch einfach das YouTube-Video angucken. Wer allerdings hier nicht weiterliest, verpasst einige Argumente, die nicht im Video vorkommen, einige grandiose Gags und zumindest eine winzige Moralpredigt.

Nicht für die Schu­le, son­dern für das Le­ben ler­nen wir

Geschichte ist ein Lernfach. Und das in mehrfacher Hinsicht. Für Geschichte muss man nicht nur viel lernen, sondern das Fach existiert überhaupt erst, um aus der Geschichte zu lernen. Soll heißen: Die wichtigste Aufgabe von Geschichte als Schulfach ist es, uns zu bilden, damit das, was wir an Fortschritt erreicht haben, bleibt und die Fehler, die wir gemacht haben, nicht wiederholt werden.
Denn wenn wir uns mit der Vergangenheit beschäftigen sehen wir, wie sich die Menschheit weiterentwickelt hat. Wie aus der Herrschaft Einzelner eine Herrschaft des Volkes (Volk = alte, weiße Männer) und daraus eine wirkliche Herrschaft des Volkes wurde, in der alle ihre Interessen einbringen können (alle = alle über 18). Genauso sehen wir aber auch, wie Demokratien scheitern, Freiheiten wieder abgeschafft und Menschen wieder unterdrückt werden können.
Berechtigterweise könntet ihr deshalb jetzt einwerfen: „Aber die Menschen lernen doch nicht aus ihrer Geschichte! Überall auf der Welt werden die extremen Rechten stärker und immer weniger Menschen leben in Demokratien. Das hab‘ ich in der Zeitung gelesen!“
Und damit hättet ihr in großen Teilen Recht. Der Demokratieindex 2021 zeigt, dass viele Staaten weniger demokratisch als in den Vorjahren wurden. Auch wenn sich diese Veränderung nicht auf Deutschland bezieht, leidet auch hier die Demokratie unter lauten Rechtsextremen, Verschwörungsfanatiker*innen und rechtsextremen Verschwörungsfanatiker*innen.
Aber dieses Gegenargument unterstützt eigentlich meine Position. Genau das zeigt doch, wie wichtig ein gutes, tiefgreifendes Geschichtsverständnis ist, bloß das der Geschichtsunterricht noch nicht immer das erreicht, was er soll. Was er aber sollte.
Wir brauchen Geschichtsunterricht, damit unsere Demokratie nicht wieder von rechts überfahren wird. Das bedeutet nicht, dass Menschen aufhören, Attila Hildman oder Björn Höcke zuzuhören, nur, weil man ihnen ein Geschichtsbuch in die Hand drückt.
Aber unsere Errungenschaften aus der Vergangenheit zu behalten und trotzdem zu verhindern, dass sich die Geschichte wiederholt, kann nur gelingen, wenn wir die Geschichte auch kennen. Die aktuelle Lage zeigt also meiner Meinung nach umso mehr, dass wir mehr und vor allem besseren Geschichtsunterricht brauchen.

Schwamm drü­ber geht nicht

Wenn wir schon bei Mr. „Mahnmal der Schande“ Björn Höcke sind: Deutschland hat mehr geschichtliche Verantwortung als jedes andere Land. Wir sind zwar nicht schuld an den Verbrechen unserer Urgroßeltern-Generation, haben aber trotzdem die Verantwortung geerbt.
Die Verantwortung, diese Geschichte aufzuarbeiten. Die Verantwortung, mit dieser Geschichte richtig umzugehen. Und ein weiteres Mal die Verantwortung, dass sich diese Geschichte nicht wiederholt.
Wir tragen aber nicht nur Verantwortung für die Verbrechen der Nazi-Zeit. Genauso müssen wir uns zum Beispiel mit der Kolonialgeschichte, unter anderem dem Völkermord an den Herero und Nama in „Deutsch-Südwest-Afrika“ und seinen Folgen beschäftigen. Es reicht nicht „Sorry“ zu sagen, 1,1 Milliarden Euro zu überweisen und dann Schwamm drüber.
Die Schuld bleibt und das Leid kann durch nichts wieder rückgängig gemacht werden. Stattdessen ist es unsere Aufgabe, wie die von allen anderen Ländern auf der Welt, Verantwortung für unsere Geschichte zu übernehmen.

Die Ver­gan­gen­heit le­ben­dig hal­ten

Es ist auch wichtig, dass wir das Wissen bewahren und die Geschichtsforschung vorantreiben, um auch zukünftigen Generationen ein Lernen aus der Geschichte zu ermöglichen. Denn wenn sich außer ein paar verstaubten Historiker*innen niemand mehr für Geschichte interessiert, gerät das gesamtgesellschaftliche Wissen langsam in Vergessenheit und unsere Kinder haben es schwerer, aus der Geschichte zu lernen.
Geschichte muss nämlich lebendig bleiben. So hart es auch klingt, die letzten Zeitzeug*innen des Zweiten Weltkriegs werden bald nicht mehr da sein, um die Geschichte lebendig zu halten. Deshalb müssen wir das tun. Auch dafür haben wir eine Verantwortung.

Glau­be kei­ner Ge­schich­te, die du nicht selbst ge­fälscht hast

Ein Mann zeigt gerade wie kein anderer, wie viel Macht Geschichte innehat: Hinter seinem riesigen, massiven Schreibtisch sitzend – anstatt halbnackt auf einem Pferd -, verdreht Wladimir Putin die Geschichte, um den Angriff auf die Ukraine zu rechtfertigen.

Die Ukraine wurde von der Sowjetunion geschaffen, deshalb gehört ihr Gebiet faktisch zu Russland. Im Zweiten Weltkrieg arbeiteten Ukrainer und Deutsche Hand in Hand und die aktuelle ukrainische Regierung besteht aus Neo-Nazis. Ach ja, fast vergessen, Olaf Scholz‘ Opa war SS-General.

Wusstet ihr alles noch nicht? Das könnte daran liegen, dass es nicht der Wahrheit entspricht, sondern die Propaganda ist, die der russischen Bevölkerung vor allem durch die Staatsmedien aufgetischt wird, um die „Spezialoperation“ in der Ukraine zu legitimieren.


Wer sich genauer für die russische Propaganda interessiert, findet hier zwei sehr spannende Videos von ARTEde:
Hier gibt es Anfängerwissen über russische Propaganda
Hier geht es um Deutschland aus Sicht der russischen Propaganda

Warum wirken diese „Fakten“ so absurd für uns, ein Großteil der russischen Bevölkerung glaubt aber genau daran? Das liegt am Informationsmonopol, das die russische Regierung und Putin innehaben. Weil Oppositionelle verfolgt werden und die großen Medienanstalten unter Regierungskontrolle sind, ist es sehr schwer, an unabhängige Informationsquellen zu gelangen oder sich eine eigene Meinung zu bilden. Doch vielen Russ*innen fällt das gar nicht auf, weil unter anderem der Geschichtsunterricht an russischen Schulen an die Ziele der Regierung „angepasst“ wurde. Während wir uns in unserem Geschichtsunterricht mit Propaganda beschäftigen, Themen aus mehreren Blickwinkeln betrachten, reflektiert denken und uns so gegen Propaganda „wappnen“ können, wird in russischen Schulen anders unterrichtet. Stalin? Da war doch eigentlich nicht alles schlimm, der hat zum Beispiel den „Großen Vaterländischen Krieg“ gewonnen! Wie unter anderem der Deutschlandfunk und eine Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik berichten ist russischer Geschichtsunterricht selektiv und hebt die große Kontinuität in der russischen Geschichte hervor: Ach, die paar Revolutionen und der Bürgerkrieg, das waren ja keine großen Umbrüche. So schafft dieser Unterricht den Nährboden für die Propaganda der Regierung und enthält den Schüler*innen wichtige Informationen und Fähigkeiten vor. Es ist unmöglich, komplett gegen Propaganda gewappnet zu sein. Aus unserer außenstehenden Sicht wirken die Falschinformationen durch unser Wissen lächerlich, aber nichts gibt uns die Sicherheit, nicht selbst einmal auf Propaganda oder Fake-News reinzufallen. Trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass unser differenzierter Geschichtsunterricht hilft, sich eine eigene Meinung zu bilden und auf Falschinformationen vorbereitet zu sein.

Die Welt ver­ste­hen durch Ge­schich­te

Schon der letzte Abschnitt handelt davon, dass uns Geschichte reflektiertes Denken beibringt und weil’s so schön war, geht es in diesem auch darum. Aber keine Sorge: Weniger Putin und Propaganda, dafür mehr Diskriminierung und Disparitäten.
Disparitäten beschreiben grob gesagt Ungleichheiten oder Unterschiede. Und davon gibt es in unserer Welt genug. Arm und Reich, Frauen und Männer, Unprivilegierte und Privilegierte, Globaler Süden und Globaler Norden.
Um unsere aktuelle Welt mit all ihren Problemen verstehen zu können, muss man die Geschichte kennen und die Zusammenhänge sehen können.
Wie soll man verstehen können, woher Rassismus und Antisemitismus kommen, ohne über den Kolonialismus, Versklavung oder Nationalsozialismus Bescheid zu wissen? Wie soll man begreifen können, warum Frauen immer noch weniger als Männer verdienen, wenn man keine Ahnung davon hat, dass Frauen in Deutschland vor knapp über 100 Jahren noch nicht wählen durften oder vor 50 Jahren der Ehemann noch erlauben musste, dass die Frau arbeiten gehen darf. Wie soll man nachvollziehen können, warum manche Länder so viel reicher und entwickelter sind als andere, wenn man nicht die Geschichte der Industrialisierung oder der Ausbeutung und Unterdrückung im Kolonialismus kennt?
Denn die Geschichte ist wie ein großes Erdbeben, dessen Nachbeben immer zu spüren bleiben werden. Und damit man sich nicht darüber wundert, dass der Boden immer noch wackelt, muss man über den Kometen, der mal eingeschlagen ist, Bescheid wissen.

Die Schu­le ver­ste­hen durch Ge­schich­te

Als kleiner Zusatz zum letzten Punkt lässt sich sagen, dass Geschichte nicht nur hilft, die Welt zu verstehen, sondern auch andere Schulfächer. Geschichte ist so thematisch übergreifend, dass es eine Allgemeinbildung schafft, die vieles in der Schule vereinfacht.
Du musst dich nicht mehr darüber wundern, warum diese barocken Dichter so ultimativ deprimiert waren, wenn du über den Dreißig Jährigen Krieg Bescheid weißt.
Dein*e Lehrer*in wird dir gute mündliche Noten nur so hinterherwerfen, wenn du im Wirtschaftsunterricht mit Adam Smith und Karl Marx argumentieren kannst.
Du wirst die Gunst der*des Musiklehrer*in gewinnen, wenn du beim Thema Jazz die Sklaverei in Nordamerika einordnen kannst.
Sehr vereinfacht gesagt, kann dir Geschichte also helfen, bessere Noten zu bekommen. Zumindest theoretisch schafft eine gute Geschichtsbildung auch mehr Bildung für andere Fächer. Worauf wartest du dann noch? Fang an Geschichtsbücher zu wälzen!

Für alle was da­bei

Zu guter Letzt, nach vielen hochgestochenen und pathetischen Argumenten über die Bedeutung von Geschichte, will ich noch etwas ganz Anderes verdeutlichen: Geschichte macht unfassbar Spaß!
Man kann sich in spannenden Zusammenhängen oder interessanten Geschichten verlieren. Selbst wenn man sich nicht für alles und jedes kleine Detail interessiert, die Menschheitsgeschichte ist so lang und vielseitig, dass für alle etwas dabei ist.
Du magst Game of Thrones? Schau dir mal die Kirchengeschichte an. Mehr Sex, Crime und Intrigen findest du selten!
Du gehst für den Klimaschutz oder für Toleranz auf die Straße? Aktivismus und Nicht-Einverstanden-Sein gibt es seit Anbeginn der Menschheit! Die Geschichten von Aktivist*innen von Spartakus bis Rosa Parks können dich inspirieren.
Du interessierst dich für irgendeine Form von Kunst? Egal ob Film, Literatur, Malerei, Musik oder Sonstiges, wäre es nicht interessant die Entwicklung dieser Kunstform zu kennen?
Dir hängt der eurozentristische Geschichtsunterricht zum Hals raus? Recherchiere doch über die Menschheitsgeschichte außerhalb Europas, da gibt es unendlich viel zu entdecken!
Du magst Töpfern? Schon mal in einem Archäologie-Museum gewesen? Da gibt‘s nur sowas!

War­um Ge­schichts­un­ter­richt an­ders wer­den muss

Aber natürlich gibt es ein großes Problem. Im selben YouTube-Video, indem Rezo argumentiert, warum Geschichte so unfassbar relevant ist und wieso wir es dringend brauchen, zeigt er auch, was traurige Realität an vielen Schulen ist: „Daten, Fakten, Daten, Fakten, Daten, Fakten – Tafelbild!“
Ja, Geschichtsunterricht ist oft langweilig. Vorne steht die Lehrkraft und hält Monologe, man muss unnütze Jahreszahlen auswendig lernen oder behandelt penibel den exakten Ablauf der Kaiserkrönung Ottos des Großen. Anstatt auch auf andere Teile der Welt zu blicken, wiederholt man die Märzrevolution, bis man die Bestandteile der Barrikaden aus den Straßenkämpfen im Schlaf runterbeten kann.
Wusstet ihr, dass das ach so beeindruckende Imperium Romanum gerade einmal ein Fünftel der Fläche des mongolischen Reiches war, das unter Kublai Khan einen Großteil des asiatischen Kontinents umspannte? Warum lernen wir darüber nichts? Warum nichts über die Geschichte Südamerikas oder die Kolonialzeit aus Sicht der Kolonien? Unser Unterricht ist eurozentristisch, weil nur die Entwicklungen in Europa und Nordamerika für wirklich relevant gehalten werden.
Dieses eurozentristische, oft langweilige, kaum interaktive Fach, bei dem zu viel Irrelevantes — was höchstens irgendwelche Geschichte-Nerds wie mich interessiert — unterrichtet wird, muss umgestalten werden.
Geschichtsunterricht muss durch moderne Unterrichtsmethoden pädagogischer und interaktiver werden, fokussierter auf das, was wirklich relevant ist und auch mal über den europäischen Tellerrand hinausblicken. Erst dann kann der Geschichtsunterricht sein volles Potenzial entfalten – uns helfen, aus der Geschichte zu lernen, Verantwortung für sie zu übernehmen, durch sie unsere Welt zu verstehen, reflektierte Menschen aus uns zu machen und uns die spannenden Geschichten in der Geschichte näherbringen.
Erst dann kann es wirklich heißen: “Geschichtsunterricht, das ist die beste Zeit”.

Ein Projekt aus dem Vorhaben Jugend-Budget des BMFSFJ, umgesetzt vom
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